Dirk Wentzel

Information:


 

Dirk Wentzel - Dissertation

 

“Some day, following the example of the United States of America, there will be a United States of Europe” George Washington, 1st US President (1789-97)


Prof. Dr. Dirk Wentzel

Titel:

Geldordnung und Systemtransformation: Ein Beitrag zur ökonomischen Theorie der Geldverfassung.


Zeitraum:

Das Dissertationsprojekt wurde 1990 begonnen und im Dezember 1994 mit der Promotion am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Philipps-Universität Marburg abgeschlossen.


Publikation:

Die Dissertation ist 1995 im Gustav Fischer Verlag, Stuttgart, als Band 50 der Schriften zum Vergleich von Wirtschaftsordnungen erschienen (Preis: 49,- DM).


Unterstützung:

Die Drucklegung der Arbeit wurde von der Landeszentralbank in Hessen dankenswerterweise unterstützt.


Auszeichnung:

Die Arbeit wurde 1996 ausgezeichnet mit dem Herbert-Quandt-Förderpreis der Technischen Universität Dresden für die beste Dissertation zum Thema "Systemtransformation".


Inhalt (Kurzfassung):

Aufgabe der vorliegenden Arbeit war es, den Bereich der Geld- und Währungsordnung im Zusammenhang mit der Transformation der ehemals sozialistischen Wirtschaftssysteme zu erforschen. Zum besseren Verständnis der Schwierigkeiten der Transformation wird im ersten Kapitel die monetäre Planung in sozialistischen Systemen dargestellt. Dies ist notwendig, um das völlig unterschiedliche Verständnis von "Geldwirtschaft", welches in den sozialistischen Wirtschaftsordnungen vorherrschte, klar zum Vorschein zu bringen.

Im Anschluß daran werden im zweiten Kapitel die Fehlentwicklungen dieses Systems genauer betrachtet. Hierbei wird deutlich, daß der Niedergang des Sozialismus entscheidend durch die Unfähigkeit zur Erhaltung monetärer Stabilität beschleunigt wurde. Angesichts der permanenten Kassenhaltungsinflation wichen die Wirtschaftssubjekte in zunehmendem Maße auf Nebenwährungen aus und beschleunigten hierdurch den Verlust an Planungsherrschaft für den Staat. In diesem Zusammenhang verweist der Verfasser auf die Mises-Hayek-Lange-Lerner-Debatte und greift diese nochmals ausführlich auf: Schon zu Beginn dieses Jahrhunderts hatte von Mises nachgewiesen, daß in einer Zentralverwaltungs-wirtschaft kein gesamtwirtschaftlicher Rechnungszusammenhang herzustellen sei.

Die Schwierigkeiten der Systemtransformation werden im dritten Kapitel beschrieben. Zunächst wird festgestellt, daß beim Übergang zur Marktwirtschaft verschiedene Optionen bei der Wahl der Geldordnung bestehen. So geht der Verfasser der Frage nach, ob eine völlig privatisierte Geldversorgung eine mögliche Alternative darstellen könnte. Ferner prüft er, inwieweit staatliche Notenemission geeignet ist, monetäre Stabilität zu sichern. Hierbei zeigt sich, daß diese nur dann zu erwarten ist, wenn der Einfluß der Politik auf die Geldschöpfung beseitigt wird. Daß Notenbankautonomie jedoch kein isolierter Tatbestand ist, sondern in einem weitläufigen Spannungsfeld gesellschaftlicher Interessen angesiedelt ist, wird anhand verschiedener Systematisierungskriterien verdeutlicht. Nur wenn die Notenbank in personeller, finanzieller, instrumenteller und funktioneller Perspektive unabhängig sei, könne sie die Stabilität des Geldes sichern. Im Anschluß an die Entscheidungen über den Notenemittenten werden dann verschiedene Wege vorgestellt, wie der sozialistische Geldüberhang beseitigt werden kann. Der Verfasser kommt zu dem Ergebnis, daß nur ein konsequenter Währungsschnitt in Verbindung mit einer Freigabe der Preise zum gewünschten Resultat einer stabilen Währung führt. Diese Feststellung wird anhand einer Gegenüberstellung der Erhardschen Reformen 1948 mit den Balcerowicz-Reformen 1990 erhärtet. Abschließend wird im dritten Kapitel die Frage geklärt, welche geldpolitischen Instrumente eine Zentralbank zur Geldmengensteuerung und Währungsstabilisierung im speziellen Umfeld der Systemtransformation einsetzen kann.

Im vierten Kapitel werden die Teilordnungen herausgearbeitet, die den Bedingungsrahmen für eine wertstabile Währung bilden und die im Gleichschritt mit der monetären Stabilisierung entwickelt werden müssen. Auf der Basis ordnungstheoretischer Erkenntnisse geht es hier vor allem um die Interdependenz der wirtschaftlichen Teilordnungen. Die entscheidenden "monetären Schnittstellen", nämlich das Marktpreissystem, die öffentlichen Haushalte, die Unternehmensordnung und die Wechselkursregelungen, werden auf ihre Wechselwirkungen zum monetären Stabilisierungsprogramm hin untersucht. Dabei wird deutlich, daß Geldwertstabilität nicht per Dekret verordnet werden kann, sondern daß diese nur aus dem Zusammenspiel verschiedener wirtschaftlicher Teilordnungen entsteht. Der Verfasser vertritt die These, daß erneut Gefahren für den Geldwert entstehen werden, wenn einzelne Ordnungsbereiche im Reformtempo nachhinken oder gar im alten System verharren. Die nach wie vor feststellbaren Preismanipulationen, Budgetdefizite, extrem hohen Staatsaktivitäten und Wechselkurs-Manipulationen seien ein Indiz staatlichen Versagens.
Dies veranlasst den Verfasser, im fünften Kapitel die Interdependenzen zwischen politischer und wirtschaftlicher Ordnung zu untersuchen. Dabei werden Ansatzpunkte für eine Staatsverfassung entwickelt, die dem Ziel einer stabilen Währung verpflichtet ist. Zunächst geht es um grundsätzliche Fragen der konstitutionellen Ordnung, der Entstehung von Ordnung allgemein und der Geldverfassung im besonderen. Anhand des Gefangenendilemmas wird demonstriert, wie schwierig es ist, in anonymen Großgesellschaften solche Rechtsregeln zu entwickeln, die das Eigeninteresse in gesamtwirtschaftlich wünschenswerte Bahnen lenken. Dies gilt für die Transformationsländer um so mehr, als hier eine Reihe sozialer Dilemmata der Entwicklung eines konsistenten Regelwerkes und damit der Entstehung von Ordnung entgegenstehen. Der Verfasser prüft daraufhin, ob der Ansatz der ökonomischen Theorie der Verfassung Anwendung finden kann. Im konkreten Fall des Systemwechsels stellt sich die Frage, welche Regeln in einer Gesellschaft entwickelt werden können, die Geldwertstabilität garantieren. Ebenso wird analysiert, ob diese Regeln auch prinzipiell im politischen Prozeß mehrheitsfähig sein könnten. Zum Abschluß der vorliegenden Untersuchung wird dann der Versuch unternommen, eine Brücke von der individualistisch fundierten ökonomischen Theorie der Verfassung zu einer wirklichen Staatsverfassung zu schlagen, die dem Ziel der Geldwertstabilität verpflichtet ist. Der Verfasser vertritt dabei die These, daß es keine optimale Geldordnung gibt, die im Rahmen einer Verfassung kodifiziert werden könnte. Ebenso wird davon abgeraten, konkrete materielle Ansprüche in die Verfassung aufzunehmen. Entscheidend sei es vielmehr, daß die schlimmsten Formen des staatlichen Mißbrauchs der Geldschöpfung verhindert werden, daß also eine strikte Trennung von Geld- und Fiskalpolitik durchgeführt wird: dies kommt in der Idee von der "wirtschaftspolitischen Gewaltenteilung" zum Ausdruck, die zudem durch ein Netz von Individualrechten gegen staatliche Willkür abgesichert ist.


 

Last modified: 7/12/2009